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Deutscher Naturwerkstein-Verband e.V.

DNV-Junioren auf Michelangelos Spuren

13.11.2017

Der italienische Ort Carrara gehört seit der Antike zu den bedeutendsten Marmorfundstätten der Welt. Am Monte Altissimo hat schon das Bildhauergenie Michelangelo Marmor brechen lassen. Das nahm der Deutsche Naturwerkstein-Verband e.V. (DNV) zum Anlass, um sein diesjähriges Juniorentreffen am 13. und 14. Oktober in Carrara abzuhalten.

Carrara ist eine Stadt in der italienischen Provinz Massa-Carrara und liegt in der Region Toskana. Die Steinbrüche an der nördlichen Grenze der Toskana hatten für die alten Römer viele Vorzüge: der Stein selbst war hart, widerstandsfähig und zugleich schön und durch den nahen Seehafen gut zu transportieren.

Zum Auftakt der Zweitages-Tour trafen sich die 15 DNV-Mitglieder zu einem Besuch bei Campolonghi in Montignoso, der mit rund 400 Mitarbeitern der größte Stein verarbeitende Betrieb in Massa-Carrara ist. Hier graben sich zahnlose Stahlblätter in tagelanger Sägebewegung mit Hilfe von Wasser und Sand durch die Granitblöcke. Marmor und Kalksteine werden mit Diamantsägen bearbeitet. Danach erhalten die Platten die gewünschte Oberflächenbearbeitung. 1960 als Granitmanufaktur gegründet, integriert die Campolonghi Gruppe heute alle Wertschöpfungsstufen vom Steinbruch bis zum Feinschliff.

Anschließend kamen die Jungunternehmer der Einladung von Gaspari Menotti nach, einem Hersteller von Sägeanlagen (Multi-Seilsägen, Gatter- und Brückensägen) sowie Schleifstraßen für Marmor und Granit. Um die Maschinen von Gaspari Menotti in Aktion zu erleben, folgte nach der Werksführung in der Maschinenproduktion ein Besuch des Verarbeitungsbetriebes Bruno Lucchetti in Carrara. Hier werden Rohblöcke aus eigenen Marmor-Steinbrüchen sowie weltweit importierte Steinblöcke mit Gatter- oder Seilsägen weiter zu Tranchen, Platten, Fliesen und anderen Steinprodukten verarbeitet.

Weiter auf dem Programm stand die Besichtigung der Brüche von Fantiscritti. Neben etwa 30 bewirtschafteten Steinbrüchen befinden sich in dem Talbecken von Fantiscritti zwei Brücken, über die die ursprüngliche Marmorbahn führte. Die fünfbogige Brücke wird heute als Straße benutzt. Eine hervorragende Qualität des Marmors wurde in der Tunnelmitte entdeckt, als man diesen in den Berg schlug, um die Täler Fantiscritti und Torano miteinander zu verbinden. Fantiscritti bietet neben Brüchen im Tagebau eine der ganz wenigen unterirdischen Abbaustellen. Mit Kleinbussen wird man ca. 600 Meter in den Berg hinein gefahren, wo heute noch unter Tage Marmor abgebaut wird. Hier beginnt die geführte Marmor-Tour, ein eindrucksvolles Erlebnis für die DNV-Junioren.

Der zweite Exkursionstag begann im Marmor-Museum in Carrara, das die Veränderungen in der Produktionstechnik dokumentiert. Fotos zeigen den mühsamen Abtransport der riesigen Blöcke. Ochsen zogen damals noch den Karren. Die Gewinnung der schweren Steinblöcke war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts überaus mühselig und aufwendig. Erst technische Neuerungen, wie die mit Dampf, Dieselkraftstoff und elektrischer Energie angetriebenen Steinbearbeitungsmaschinen, ermöglichten den Abbau in größeren Dimensionen. Dadurch wurde Carrara zum internationalen Zentrum der Marmorbearbeitung. Anfang der 1960er-Jahre gelang es, die Produktion der Nachfrage anzugleichen, als die Steinbrüche durch ein Straßennetz erschlossen wurden. Heute sind es mehrere hundert LKW, die täglich durch Carrara fahren. Manche fahren direkt zum Hafen, andere zu den Verarbeitungsbetrieben. Das Museum zeigt auch Unterkünfte der Marmorbrecher mit spärlichem Mobiliar, die das Leben von früher näher bringen.

Dann ging es weiter zur nächsten Steinbruchbesichtigung, unter anderem auch zu einem historischen (römischen) Abbaugebiet. In diesem Steinbruch existieren teilweise Spuren der Abbruchmethoden aus jener Zeit, der so genannte römische Tagliate (Schnitt), mit dem die Steinblöcke aus den Steinwänden freigeschlagen wurden. Highlight und Abschluss des DNV-Juniorentreffens war der Besuch im Dom von Pisa (Schiefer Turm) mit anschließendem Stadtrundgang und typisch italienischem Abendessen.

Neben einer Verwendung für Bildhauerarbeiten und Denkmäler wird Carrara-Marmor heute vor allem als Boden- und Treppenbeläge, Fensterbänke im Innenausbau sowie als Natursteinfliesen in Bädern verbaut. Carrara-Marmor wurde beispielsweise auch im Dom von Florenz, im Campanile (Glockenturm) von Pisa, im Petersdom zu Rom, im ehemaligen World Trade Center in New York und als Außenverkleidung an der Finlandia Halle in Helsinki verbaut.